1. Einleitung.
Im Jahr 2025 wurden mehr als 1 Million Anrufer bei der Telefon-Seelsorge gezählt, die aus
Einsamkeit ein Gespräch gesucht haben. Die Zahlen der Online-Seelsorge nicht
mitgezählt. Es handelte sich um alle Altersgruppen, besonders viele Jugendliche. Im
Durchschnitt ergab das mindestens eine Zahl von 2.740 pro Tag. Diese Zahl steigt heute
noch weiter.
In seinem Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil“
von 1954 führt uns der Schriftsteller Thomas Mann die Psychologie seiner Hauptfigur
folgendermaßen vor Augen: Neigung zur Eingezogenheit, Verschlossenheit, inneres
Beharren auf Einsamkeit; Abstand; Reserve, Ichbezogenheit als Grundbedingung des
Lebens.
Die Philosophie der Einsamkeit, die uns der norwegische Professor für Philosophie an der
Universität Bergen, Lars, Fredrik Händler Svendsen, geb. 1970, in seinem gleichnamigen
Buch vorstellt, steht im Mittelpunkt meines Vortrags. Der Autor weist darauf hin, daß
Einsamkeit große Auswirkungen auf die Lebensqualität vieler Menschen hat. Sie ist ein
Phänomen aller Menschen, setzt volles Bewußtsein voraus, beruht nicht auf Alleinsein,
sondern entwickelte sich zu allen Zeiten beim Menschen als sozialem Wesen, vorrangig in
gemeinschaftlicher Beziehung. Wir alle fühlen Einsamkeit, doch in unterschiedlicher
Weise, positiv oder negativ. Sehnsucht ist ein notwendiger Bestandteil dieses Gefühls.
Diese Publikation Svendsens basiert auf Daten der Soziologie, Psychologie und
Neurowissenschaft.
2. Das Wesen der Einsamkeit. Verschiedene Arten aus psychologischer und sozialwissenschaftlicher Sicht.
Hier begegnet uns ein Gefühl von Schmerz oder Traurigkeit, isoliert oder allein zu sein
wegen eines Mangels an Nähe zu anderen Menschen. Dieses subjektive Erleben ist privat
und nur schwer teilbar mit anderen. Wenn es die ganze Welt mit ihrer Menschheit umfaßt,
wenn man der Auffassung ist, daß wir allein geboren werden, leben und sterben müssen
sprechen wir von metaphysischer Einsamkeit.
Menschen, die viel Zeit allein verbringen, beklagen sich nicht über Einsamkeit, andere fühlen sich besonders einsam im Kreis ihrer Familien und Freunde. Häufig beurteilen wir unsere sozialen Beziehungen durch
subjektive Idealvorstellungen. Entspricht dieser innere Standard nicht den Erwartungen,
entsteht Einsamkeit.
Soziale Isolation, Verzicht auf aktiv erlebten Lebenssinn und eigene Verbannung aus der
Gemeinschaft in totale Einsamkeit, führen zu gefährlichen Schmerzen. Für die meisten
von uns besteht der größte Teil des Lebenssinns in der Bindung an Mitmenschen.
Dadurch erhalten wir Stärke und Lebensfreude. Aus biologischer Sicht finden wir es
natürlich, menschliche Gemeinschaft zu suchen. Es ist aber auch nicht unnatürlich, allein
sein zu wollen, wenn situationsbedingt eine Flucht in die Einsamkeit vorgezogen wird, zum
Beispiel in Phasen der Trauer, durch Verlusterfahrung oder Änderung der
Lebensumstände.
In der Regel treten zwei Formen der Einsamkeit auf; die soziale bei jüngeren Menschen
und die emotionale bei älteren. Die soziale Form entsteht aus einem Mangel an
Integration, die emotionale durch das Fehlen einer nahen Beziehung zu jemandem. In
jedem Fall kann Einsamkeit uns einen Raum schaffen, über unser Verhältnis zu andren
nachzudenken und zu erfühlen, wie sehr wir sie wirklich brauchen.
Einsamkeit ist keine Krankheit, vielmehr eine alle Menschen betreffende Erscheinung. Sie kann sich jedoch
negativ auswirken auf psychische und physische Leiden. Pathologisch wird sie, wenn ein
chronisches Maß erreicht ist durch schmerzhaftes, depressives Erleben und
Angstzustände.
3. Gefühlsleben, Vertrauen, Freundschaft und Liebe im Bannkreis der Einsamkeit.
Als grundlegende Gefühle sind uns Angst, Eifersucht, Liebe, Hunger, Durst, Wut, Freude,
Abscheu, Überraschung, Scham und Neid geläufig. Einsamkeit als Gefühl sollten wir als
eine Art Traurigkeit erkennen, die auf einen Mangel an erwünschten sozialen Bedürfnissen
zurück geht. Ein Gefühl verschafft uns Zugang zu uns selbst und zu unserer außerhalb
liegenden Welt. Svendsen zitiert in diesem Zusammenhang die Philosophen Martin
Heidegger und Ludwig Wittgenstein. Gefühle sollten nicht nur als rein subjektive
Ereignisse beurteilt werden. Sie führen oft auch als kognitive Instrumente zur Erkenntnis
von Wirklichkeit.
Einsame Menschen haben sehr hohe Erwartungen an zwischenmenschliche Beziehungen. Sie stellen höhere Anforderungen an soziale Interaktionen als ihre Mitmenschen. Nicht erfüllte Erwartung verursacht bei ihnen
Vereinsamung und soziales Schmerzgefühl. Der Einsame und wir alle müssen lernen,
Gefühlsleben zu kontrollieren, unser Mißtrauen gegenüber anderen Menschen zu
überwinden und durch Vertrauen zu ersetzen. Wir haben Verantwortung für unsere
Gefühle und können sie ändern.
Fragen wir uns kurz, wer sind die Einsamen? Auf der Grundlage von Studien in Norwegen
in den Jahren 1980 – 2012 ergab sich folgendes Bild: Die höchste Anzahl befindet sich in
den Altersgruppen 16 – 24 und ab den 67 – jährigen. Einsamkeit scheint zu 45-50 %
erblich zu sein. Berufstätige Männer sind weniger einsam als berufstätige Frauen. In
Osteuropa leben die meisten einsamen Menschen. In Nordeuropa gibt es viel weniger
Einsame. Relativ hohe Zahlen von Einsamkeit finden wir in Italien, Griechenland und
Portugal, relativ niedrige in den skandinavischen Ländern.
Die Einsamkeitsquote ist bei Frauen höher als bei Männern. Einsamkeit bei Männern tritt häufiger auf ab dem 76.
Lebensjahr, bei Frauen ab dem 56.igsten. Eine Erklärung könnte sein, daß Frauen in ihren
sozialen Beziehungen andere Bedürfnisse entwickeln als Männer. Der Mangel an
Identifikation mit einer größeren Gruppe im Lebensumfeld führt stärker zum
Einsamkeitsgefühl bei Männern als bei Frauen.
Die Persönlichkeit eines Menschen hängt davon ab, ob sein Bedürfnis nach sozialer
Bindung subjektiv sinnvoll oder sinnlos erlebt wird. Dabei neigen Einsame dazu,
zwischenmenschliche Phänomene negativ zu bewerten und Enttäuschung über sich selbst
und andere überzubewerten. Sie finden es schwer, jemandem zu vertrauen, sind auf
Bestätigung und Anerkennung durch andere angewiesen. Wenn diese ausbleibt, leiden sie
in einer Opferrolle. Eine einsame Persönlichkeit empfindet außerdem ihre soziale
Umgebung oft als bedrohlich.
Der Zusammenhang von fehlendem Vertrauen und Einsamkeit im individuellen
Lebensbereich kann auch auf das staatliche Umfeld der Einwohnerschaft übertragen
werden. Viele Umstände sind verantwortlich, um ein Vertrauen der Bürgerschaft zu ihrem
Land aufzubauen. Um nur einige Faktoren zu benennen: Ein funktionierender, solider
Rechtsstaat, eine gefestigte Zivilgesellschaft, Bekämpfung der Korruption, kulturelle
Vielfalt, Wohlstand, ökonomische Gleichheit und hohes Ausbildungsniveau.
Vertrauen in individualistischen Gesellschaften ist höher als in kollektivistischen.
Lars Svendsen verweist hier auf die Autorin und Philosophin Hannah Arendt und ihre Ausführungen zur
totalitären und organisierten Einsamkeit.
Vertrauen in einer zwischenmenschlichen Beziehung ist oft mit dem Bewußtsein von
Risiko verbunden und einer Spur von Misstrauen. Doch ohne Vertrauen können wir nicht
aufwachsen und über uns selbst hinauskommen. Wenn man andere Menschen
ausschließt, schließt man sich selbst ein in Einsamkeit.
Werfen wir nun einen Blick auf den Bezug der Einsamkeit im sozialen Raum von
Freundschaft und Liebe. Nur eine Person mit der Fähigkeit zu Freundschaft und Liebe
kann Einsamkeit fühlen. Nur ein Wesen mit der Fähigkeit Einsamkeit zu fühlen, kann
Liebhaber oder Freund sein. Es handelt sich hier um eine Beziehung zu einem anderen
Menschen, die einen selbst erweitert.
Svendsen begründet seine Ansicht durch Hinweis auf die Philosophen Aristoteles, Kant und Montaigne. Er zitiert Aristoteles mit dessen Ausführungen zur Form der Tugendfreundschaft wie folgt: Der Mensch ist durch sein
Sprachvermögen ein Wesen mit dem Bedürfnis, in einem kommunikativen Verhältnis zu
seinen Mitmenschen zu stehen. Freunde zu haben ist „das größte aller äußeren Güter.
Kant sieht vor allem Offenherzigkeit und vollständiges Vertrauen als Existenzgrundlage
der Freundschaft. Sie führt zur Lösung aus der Einsamkeit. Ohne Freund ist ein Mensch
vollkommen isoliert.61 Montaigne mißt der Einsamkeit große Bedeutung bei. In der
Freundschaft sieht er jedoch „die höchste Form menschlicher Gemeinschaft.“
Johann Wolfgang von Goethe führt uns das Problem von Einsamkeit und Liebe in seiner
Erzählung „Die Leiden des jungen Werther“ eindrucksvoll vor Augen. Werthers Liebe zu
Lotte muß versagen, da er seine Freiheit und Einsamkeit genießt, seine Welt in sich selbst
findet und nicht in der Lage ist, aus seiner Ichbezogenheit auszubrechen.
In dem Kapitel Liebe, Freundschaft und Identität erklärt Svendsen, daß man ohne eine
Bindung an andere nur ein schlechterer Teil seiner selbst bleibt. Er erinnert an Karl
Jaspers, in dessen Philosophie die Einsamkeit eine zentrale Bedeutung hat. In seiner
gleichnamigen Publikation erklärt Jaspers: „Ich selbst sein heißt einsam sein.“ Einsamkeit
ist mit einem Bewußtsein verbunden, von anderen getrennt zu sein und dem Wunsch,
durch Kommunikation mit anderen, die Einsamkeit zu überwinden, ohne sich selbst zu
verlieren. In der Liebe sieht Jaspers ein Heilmittel gegen Vereinsamung.
4. Moderner Individualismus und Verantwortung des Einzelnen im Umgang mit der eignen Einsamkeit
Das heutige Individuum empfindet sich als liberal und berechtigt, ein freies Leben mit
unterschiedlichen Lebenszielen führen zu können. Seine Sozialisation bewertet es selbst.
Man übernimmt eigene Kontrolle und die Wahl der Lebensform.65 Im realen Leben
erschaffen wir unser eigenes Selbst durch Interaktion mit anderen als ein soziales
Produkt. Weltweit entscheiden sich immer mehr Menschen allein zu leben. Sie sind jedoch
nicht mehr einsam als Zusammenlebende, sondern ziehen eine andere Form ihrer
Sozialisation vor.
Viele moderne Soziologen beklagen heutigen Bildungsmangel in einer ausgeprägt
individualistischen Kultur, die angeblich Einsamkeit fördert.Dem widerspricht Svendsen.
Alleinlebende Menschen heiraten später, haben weniger Verwandte und bevorzugen
andere Familiengemeinschaften als die klassische Kernfamilie mit einem Ehepartner und
biologisch eigenen Kindern. Sie sind sehr sozial aktiv. Auch eine umfangreiche Nutzung
des Internets als soziales Medium erzeugt keine größere Einsamkeit, eher hypersoziale
Aktivität.
5. Die gute Einsamkeit
Der norwegische Philosoph Svendsen bekennt sich ausdrücklich zu einer guten
Einsamkeit. Sie wird freiwillig aufgesucht, als Wert empfunden führt zu Offenheit
gegenüber neuen Erfahrungen, Gedanken und Gefühlen. Man erlebt sie positiv, aber auch
gefühlsmäßig neutral.Svendsen hebt das mehrbändige Werk über die Einsamkeit von
Johann, Georg Zimmerman hervor, das 1728-1795 erschienen ist.
Zimmermann unterscheidet zwischen schlechter (=Melancholie bzw. Hypochondrie) und guter
Einsamkeit. Die letztere erzeugt Freiheit und Unabhängigkeit, Ruhe und einen guten
Charakter durch Erhöhung der Seele. Nach Zimmermann erlangt der Mensch die wahre
Weisheit zwischen Welt und einer Einsamkeit, die als Bedürfnis gelebt wird.
Viele Philosophen sehen in einer selbst gewählten Einsamkeit einen schöpferischen Raum zur
Gewinnung von Erkenntnissen. Svendsen nennt Aristoteles, Petrarca, Montaigne,
Emerson,Schopenhauer, Nietzsche, Heidegger und Rousseau.Raum für ein Leben in
guter Einsamkeit kann unser Privatleben zu Hause sein. In diesem geschützten Raum gibt
man sich selbst hin, denkt über sich nach und fühlt sich frei.
Auf der anderen Seite besteht auch die Möglichkeit, außerhalb des privaten Raumes in
der Öffentlichkeit, durch den Blick eines anderen sich selbst zu erkennen für die eigene
Freiheit. Schriftsteller begeben sich vorübergehend in die Einsamkeit des Schreibens, um
später ihre Mitmenschen anzusprechen, die das Geschriebene lesen.
In unserer Zeit von Reizen im Überfluß, vielfältiger Eindrücke und chronischer Interaktionen mit anderen,
müssen wir verstärkt zur Ruhe kommen und die Fähigkeit, Einsamkeit zu ertragen,
erneut erlernen. Mit sich selbst zusammen zu sein ist dabei ein Aspekt, den Hannah
Arendt betont. Sie bezeichnet das als: „Ich bin zwei-in-einem.“
6. Abschließende Bemerkungen.
Einsamkeit ist häufig mit Schamgefühl verbunden. Sie wird als Scheitern beurteilt, einen
Teil des Lebenssinns in Gemeinschaft verwirklichen zu können.Politische Initiativen, im
Sinne einer öffentlichen Mobilisierung gegen Einsamkeit durch das norwegische
Gesundheitsministerium, haben sich als nicht sinnvoll erwiesen.Stattdessen muß jeder
Einzelne von uns die Verantwortung für seine eigenen Gefühle übernehmen. Das ist nicht
einfach. Einsamkeit wird vielfach erlebt als eine von außen zugeführte Unzulänglichkeit
der sozialen Umgebung, die nicht den eigenen Erwartungen entspricht.
Der so empfindende Einsame leidet schmerzlich unter unzureichender Anerkennung. Er sieht sein
Bedürfnis nach Bindung nicht erfüllbar. Einsamkeit kann verringert werden, wenn man
einem anderen die Tür zur eigenen Einsamkeit öffnet. Geteilte Einsamkeit läßt sich besser
aushalten in der Nähe zu einem anderen. In dieser sorgfältig ausgewählten Zweier-
Gemeinschaft kann man in sich selbst ruhen, ohne abhängig zu sein von allgemeiner
Bestätigung.
Wir brauchen andere, um ein erfülltes Leben zu führen. Wir müssen aber
auch imstande sein, es, wenn nötig, ohne die Unterstützung anderer zu schaffen und
Reserven dazu in uns selbst zu finden. Dieses Fazit zieht Lars Svendsen aus seiner
Erfahrung mit der Covid-Pandemie 2021.

