Staatliche Gesetze regeln zunächst einmal unser Zusammenleben: Rechts vor links im
Straßenverkehr, wer zuerst zur Mühle kommt, mahlt zuerst. Das erspart zeitraubende
Auseinandersetzungen im Einzelfall, dient dem sozialen Frieden und schafft somit
Freiräume zum Handeln. Mit dem Ausbau der hoheitlichen Verwaltung allerdings kommt
bei dem Erlass von Vorschriften deren Regulierfreude, Misstrauen gegen die Untertan und
ihr Sicherheitsbedürfnis mit ins Spiel, was schließlich in Bürokratie ausartet und im
Überwachungsstaat endet.
Das Oben und Unten scheint als Erbteil von unseren tierischen Vorfahren in unseren
Genen zu stecken. Nach vier Ehejahren spätestens übernimmt ein Partner die Führung
und jede funktionierende Gruppe hat ihren Boss. Dessen Anweisung als Kapitän, General,
Unternehmer oder Architekt entscheiden über den Erfolg. Sie sind an der Sache
ausgerichtet und werden nicht als Zwang empfunden. Unter dem Preußenkönig Friedrich
Wilhelm I, der im Namen der Staatsraison absoluten Gehorsam forderte, durfte dieser
keine Unehre machen.
Erst wenn Macht, die immer verführerisch ist, für persönliche Zwecke missbraucht wird,
stellt sich die Frage nach Beeinträchtigung der Freiheit, sowohl beim Ausübenden wie
auch beim Unterworfenen. Der mächtige Putin stellt sich auf dicke Sohlen, um größer zu
erscheinen und lässt aus Angst seine Kritiker verschwinden; Nawalny hingegen kehrt aus
der Charité in seine Heimat zurück, wo ihn der sichere Tod erwartet. Wer von beiden ist
frei?
Formal unterscheidet man die Freiheit von und die Freiheit zu etwas, wobei die erste die
Voraussetzung der anderen ist.
Im Gefängnis herrscht ein Höchstmaß an Unfreiheit zu etwas, aber es gewährt
vergleichsweise viel Sicherheit und auch ein Afghane kommentierte das Leben unter den
Taliban: „Wir sind nicht mehr frei, aber sicher!“
Ist vielleicht weniger das Gesetz als vielmehr die Sicherheit, die es bietet, der eigentliche
Gegenspieler der Freiheit oder ihr Preis, und wollen wir diesen überhaupt zahlen?
Die Gesetze des Staates gelten grundsätzlich für alle Bürger. Anderen unterwirft man sich
durch Mitgliedschaft. Betriebliche Übung ist geltendes Arbeitsrecht, als Jude kommt nur
der in den Himmel, wer die 613 Gebote einhält, Militär und Klöster haben ihre jeweils
eigenen Regeln. Ein strenger Verhaltenskodex, die festgeschriebene hierarchische
Ordnung, der minutiös durchgetaktete Tagesablauf werden als Entlastung empfunden. In
einem Experiment mit sozialintegrativ, diktatorisch und laissez-faire strukturierten
Jugendgruppen jammerten die letzteren bald: „Müssen wir heute wieder tun, was wir
wollen?“ Die Liturgie im Gottesdienst und auch so einfache Rituale wie das Sich-
bekreuzigen dienen der Verhaltenssicherheit.
Wer mit einer weltanschaulichen, politischen oder wissenschaftlichen Richtung
sympathisiert, hängt eines Tages das eigene Denken an den Nagel und sagt: „Ich schließe
mich an!“ Glaubensbekenntnisse, Parteidisziplin, wissenschaftliche „Schulen“ entlasten,
indem sie vom Zwang des kritischen Denkens befreien und Sicherheit geben. Argumente
wie „In der Bibel steht“, „Der Meister hat gesagt“, „Im Parteiprogramm ist festgeschrieben“
begründen fortan die vorgebrachten Meinungen.
Etwas weniger auffällig ziehen uns unsere Gewohnheiten, die Mode, das „Man“, die Leute,
denen wir zu gefallen sind oder zu Diensten stehen, von uns selber ab.
Unsere Bequemlichkeit, gepaart mit der Angst, nicht gemocht zu werden, d.h. im Grunde nicht zu
überleben, kehren die Annehmlichkeit des Hinterherlaufens und der dadurch gewonnenen
Freiheit in ihr Gegenteil: die Unterwerfung unter die Tyrannei unserer Mitmenschen und
gerade in unsicheren Zeiten wittern die Heilsbringer Morgenluft.
Dem Hochgefühl unserer teuflischen Sehnsucht, sich mit dessen scheinbarer Allmacht und
angedichteter Allwissenheit, im Extremfall mit dessen augenfälliger Unverwundbarkeit –
siehe das inszenierte Attentat auf Trump! – und Unsterblichkeit – siehe die Himmelfahrt
Christi! – zu verbinden, wird das Ich geopfert. Das geschieht im blinden Gehorsam, der bei
uns zuletzt im Nationalsozialismus gefordert wurde: „Führer befiehl, wir folgen Dir!“ Dabei
sind alle Diktatoren „aberriert“, von der Angst gefesselt, d.h. im Grunde Hanswürste.
Schlimmer als jene, weil nicht durch Messer oder Kugeln zu beseitigen, sind unsere
inneren Tyrannen. Wir belächeln unseren inneren Schweinehund, obwohl er uns daran
hindert, das zu tun, was wir für richtig halten. Er mästet sich an unserer Bequemlichkeit.
Aus unserer Angst ums Überleben nährt sich unser Eigendünkel.
Das ständige Herumputzen an unserem vermeintlichen Heiligenschein macht uns verletzlich und raubt
uns so viel Kraft, dass für unser eigentliches Leben nicht mehr viel übrig bleibt.
Noch heimtückischer, weil verborgen, ist unser freiwilliger Verzicht auf Freiheit. „Ich muss
was tun“, „ich muss heute Abend ins Konzert“, „ich muss endlich mal den Keller
aufräumen“, sind ständig zu hörende Floskeln, dabei müssen wir nur sterben. Alles andere
tun wir aus freien Stücken, weil es uns Vorteile bietet oder Nachteile erspart.
„Chef, ich habe ein Problem“, ist gängiger Hilfeschrei von Mitarbeitern. Dabei gibt es nur
Fragen, Herausforderungen, Aufgaben.
Indem wir sie als Problem hinstellen, lassen wir uns in unseren Ohnmachtsspeicher fallen.
Dasselbe geschieht durch unsere teuflische Lust am Bewerten. Nachdem Eva und Adam
den Apfel gegessen hatten, wandelten sich Menschen und Dinge um uns herum von
günstig oder ungünstig, in moralisch gut oder böse. Wenn etwas ungünstig ist, suche ich
nach Alternativen, wenn aber der Knopf, den ich nicht geknöpft kriege, ein dämlicher
Knopf, der Nachbar, der seine Hecke nicht schneidet, ein blöder Hund und der Regen, der
meinen Sonntagsausflug vereitelt, kein unschuldiges Wasser, das vom Himmel fällt,
sondern ein Mistwetter ist, pumpe ich mein ganzes Adrenalin, das ich zum Finden von
Alternativen brauche, in meinen Ärger.
Der göttliche Funke, den Michelangelo in seinem berühmten Gemälde auf den halb
schlafenden Adam überspringen lässt, wird von dessen Nachkommen weniger als
Chance, denn als eine Last empfunden. Offenbar trauern wir der Instinktgesichertheit des
Tieres nach und stellen uns nicht dem Sinn unseres Erdendaseins.
Soweit erkennbar liegt der in der größtmöglichen Entfaltung unserer angeborenen
Fähigkeiten: der körperlichen, der mentalen, der ethischen und ganz besonders der Mutter
aller Fähigkeiten, der der Selbststeuerung, die uns vom Tier unterscheidet.
Was sich zwischen Geburt und Tod abspielt, ist ein Spiel. Das bedeutet: es gibt Regeln,
die man einhalten kann oder auch nicht.
Zum Beispiel:
dankbar sein,
Du sollst Vater und Mutter ehren,
sich Zustimmung von der Welt holen,
das Denken abschalten,
sparsam mit der Welt umgehen,
Gegenwind und Strapazen willkommen heißen,
und die Mutter aller Regeln, den inneren Widersacher als Sparringpartner begrüßen.
Wer sich an sie hält, gewinnt; wer nicht, verliert. Für ihn ist das Spiel aus.
Ein Gesundheitsberater fragte einmal in die Runde nach dem höchsten Ziel im Leben und
gab, weil keine richtige kam, sich selbst die Antwort: „Bei sich sein.“
Ein Blick in die Bibel hilft uns weiter. Jesus spricht vom Reiche Gottes. Für ihn ist der
Himmel nicht irgendwo da oben über den Wolken, sondern ein Zustand unserer Seele hier
auf der Erde. Wir erreichen ihn, so sagt das Gleichnis vom verlorenen Sohn, erst einmal
durch Erklärung unseres existentiellen Bankrottes, d.h., durch radikales Ablegen unseres
Eigendünkels. Sartre sagt: „Die Hölle, das sind die anderen!“ Mit der Verabschiedung des
Eigendünkels, verlieren sie ihre Macht über uns und wir können uns auf den Weg zu uns
selbst machen.
Das heißt wachsen; wachsen ist kein Zuckerschlecken und erfordert Disziplin, mit der wir
unsere – begrenzte – Energie bündeln.
Das fällt uns leichter, wenn wir die Spielregeln des Lebens einschließlich unserer Vorsätze
für uns zum Gesetz erheben, dem wir uns unterwerfen als ginge es um unser Leben.
Nur ihre stringente Befolgung, begleitet von den unvermeidbaren Wachstumsschmerzen
eröffnet uns den Weg zur Freiheit.
Die praktische Handlungsanweisung lautet:
Wer Bedingung früh erfährt,
gelangt bequem zur Freiheit,
wer Bedingung spät erfährt,
erlangt nur bittere Freiheit.
Hinter diesem Goethewort steht die Erfahrung, was Hänschen nicht gelernt hat, lernt Hans
nimmermehr, und dass der innere Widersacher, den es vornehmlich zu überwinden gilt,
irgendwann zum Verbündeten wird.
Aber auch schon der Weg dorthin wird belohnt. Wenn wir anderen Gutes tun, sind wir die
eigentlichen Nutznießer. Wenn wir mit dem Netz einkaufen gehen, retten wir nicht die
Erde, können aber jederzeit in den Spiegel gucken, und Glück ist kein Sechser im Lotto,
sondern das Hochgefühl, das sich regelmäßig einstellt, wenn wir unseren inneren
Schweinehund überwunden haben.
Wer bei sich ist, ist per definitionem frei von den anderen, d.h. auch frei von
verinnerlichten Zwängen, die ihm im Laufe seines Lebens von anderen implantiert worden
sind, und damit frei, das zu tun, was er für richtig hält. Das sagt uns der Verstand, dessen
wir uns bedienen sollten. Das kann er auch, weil er die Weisungen der Göttin der Vernunft
nicht als Beeinträchtigung seiner Autonomie empfindet.
„Der eine fragt, was kommt danach?“ also, was bringt mir das an Gewinn, Wählerstimmen,
Prügel, Liebe; Beifall? Der andere fragt nur: „Ist es recht?“ Und also unterscheidet sich der
Freie von dem Knecht.“
Diese Einsicht von Theodor Storm könnte auch als Aufforderung von Sokrates, Kants
geistigem Ahnherrn, verstanden werden, das Gesetz seines Handelns in sich zu tragen,
denn alles, was wir tun, tun wir uns selbst.
Und was ist recht?
Der kategorische Imperativ,
die Ehrfurcht vor dem Leben,
die Mitmenschlichkeit,
die Erhaltung unserer Erde
Alles Selbstverständlichkeiten, aber nicht weil es Gesetze sind, sondern weil es vernünftig
ist, weil der Verstand es uns sagt.
Was Putin in der Ukraine veranstaltet, ist kein Verbrechen; es ist eine Dummheit, wie alle
sogenannten Sünden, d.h., vor Gott gibt es kein „Gut und Böse“, die Sünde ist eine
Erfindung des Menschen.
Es gibt das in den Gesetzbüchern niedergelegte Regelwerk unter dessen Ordnung wir uns
entfalten können.
Wir haben Goethes „Bedingungen“, die wir zu unabdingbaren Gesetzen erheben müssen,
um in die Freiheit hineinzuwachsen.
Es gibt die sachlich begründeten Bedingungen, die uns als Anweisung oder Planvorgabe
gegenübertreten und deren Einhaltung zur Erledigung einer Aufgabe oder zur Herstellung
eines Werkes vorgegeben sind. Die damit verbundene Hingabe an die Sache verdrängt
unseren Eigendünkel und lässt uns ebenfalls wachsen.
Dann aber gibt es die einschränkenden Grenzen, von der Natur vorgegeben oder von
Menschen gesetzt. Wer sich gegen sie auflehnt, hat seine Freiheit verspielt; wer sie
akzeptiert, kann sie unterlaufen. „Denen, die Gott lieben, werden alle Dinge zum besten
dienen“, schreibt der Apostel Paulus. Und wer sogar den Tod, das einzige wirkliche Gesetz
des Lebens, als Ratgeber und Hilfesteller in sein Leben integriert, der ist wahrhaft frei, weil
er frei von Todesfurcht ist und sich von ihm seine Forderungen an das Leben nicht
abkaufen lässt, wie es Joachim Fernau formuliert.
Sogar Voraussetzung zur Erlangung der inneren Freiheit ist ein Despot mit unbegrenzter
Machtfülle, wie ihn Carlos Castaneda beschrieben hat. Er stellt die größte
Herausforderung dar, bei sich zu bleiben und nicht unter die Knute des Kindheits-Ich zu
rutschen.
Also: Gesetze, in welcher Form auch immer wir mit ihnen konfrontiert werden, sind in
jedem Fall der Freiheit förderlich.

