Liebe Gäste, geliebte Brüder,
das Thema meines Vortrages lautet:
“Für eine offene Gesellschaft”
Liebe Gäste und Brüder, zu Beginn möchte ich Ihnen und Euch die Freiheitsandrohung
der offenen Gesellschaft von Michael Schmidt-Salomon vorlesen:
Dies ist das Land, in dem Ihre Kinder nicht automatisch Juden, Christen, Muslime sind,
bloss weil Sie einer dieser Religionen angehören! Dies ist das Land, in dem Sie nicht das
Recht haben, an den Genitalien Ihrer Kinder herumzuschneiden, weil Sie sich einem
archaischen Initiationsritual verpflichtet fühlen!
Dies ist das Land, in dem Sie glauben dürfen, was immer Sie wollen, in dem wir Ihren Kindern aber von der Pike auf beibringen werden, dass nur solche Weltanschauungen akzeptabel sind, die die Menschenrechte in
vollem Umfang anerkennen!
Dies ist das Land, in dem Sie behaupten dürfen, die Erde sei
erst vor 6000 Jahren erschaffen worden, in dem Ihre Kinder aber schon in der
Grundschule die Tatsache der Evolution erfahren! Dies ist das Land, in dem auch Kinder
Rechte haben, die Sie nicht übergehen dürfen, in dem Sie es hinnehmen müssen, dass
Männer und Frauen, Religiöse und Nichtreligiöse, Hetero-, Homo- und Transsexuelle
gleichberechtigt sind, auch wenn Sie in Ihrer emotionalen und kognitiven Entwicklung
womöglich so sehr geschädigt wurden, dass Sie diesen einfachen ethischen
Gleichheitsgrundsatz nicht nachvollziehen können!
Dies ist nicht zuletzt auch das Land, in dem Sie Ihre eigenen Sexualneurosen pflegen dürfen, solange Sie damit niemanden schädigen, in dem Ihre Kinder aber rechtzeitig aufgeklärt werden, damit sie die Chance
haben, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen!
Diese Freiheitsandrohung habe ich im Buch „Die Grenzen der Toleranz“, gefunden.
Wir Freimaurer stehen für eine offene, eine weltoffene Gesellschaft. Wir bringen
Menschen zusammen, die im normalen Leben nicht zusammengekommen wären. Wir
reden über alles was einen Bruder interessiert. Wir lassen jede Meinung zu, wenn sie in
diesem Sinne tolerierbar ist oder akzeptiert werden kann.
Für diese offene Gesellschaft zählen Grundwerte wie Rationalität, Liberalität, Egalität,
Individualität und Säkularität. Dies alles sind Werte, die uns unsere Verfassung teilweise
garantiert. Andere Ideal verfolgen wir seit der Aufklärung.
Ich möchte hier jetzt nicht von einer Bedrohung unserer Gesellschaft sprechen, wie es von
einigen politischen, populistischen und faschistischen Akteuren vorgetragen wird. Nach
meinem Empfinden und meiner Meinung gibt es diese Bedrohung nicht.
Was uns aber oft fehlt ist eine Streitkultur, in der wir offen über die Probleme reden. Statt
dessen werden Gruppierungen einfach diffamiert, und damit aus der offenen Gesellschaft
entfernt. Und oft kritisieren diese Gruppen bei Anderen, was sie selber errichten wollen.
Scheinbar sind viele Menschen blind für ihr eigenes Handeln und sehen wirklich nur den
Holzsplitter beim jeweiligen Gegenüber.
Wir müssen die offene Gesellschaft verteidigen. Wir müssen dafür sorgen, dass jeder, der
in dieses Land kommt weiß, auf was er sich einlässt und was ihn erwartet. Und wir
müssen vielleicht manchmal auch die Tür verschließen, wenn Menschen zu uns kommen
wollen, deren Einstellung wir nicht tolerieren können.
Es ist nicht schwer, einen Fremden anzusprechen. Wir müssen hinsehen und nicht die
Augen vor der Realität verschließen. Wir müssen uns als Freimaurer bewähren, genau so,
wie jeder andere Mensch auch. Offen sein.
Und wir müssen wieder lernen, Streitgespräche zu führen. Dabei geht es nicht um die
Meinungshoheit sondern um den Austausch von Meinungen und Wissen. Denn wie soll
sich eine Gesellschaft weiterentwickeln, wenn sie sich nicht streiten und dadurch neue
Ideen entwickeln kann.
Wie sagte Albert Einstein bereits:
„Ein Abend, an dem sich alle Anwesenden völlig einig sind, ist ein verlorener Abend.“
Wir müssen für die offene Gesellschaft bestimmen, wie wir es
– verhindern, wenn wir es nicht tolerieren können
– schwächen, wenn wir es nur teilweise tolerieren können
– stärken, wenn wir es akzeptieren können
Doch dazu müssen wir uns auch klar machen, wie wir diese Vorgaben abgrenzen. Es darf
keine fließende, sich verschiebende Grenze geben. Auch darf es kein „mal so, mal so“
geben, wo der Recht bekommt, den wir momentan favorisieren oder der am lautesten
spricht. Alle Meinungen müssen mit dem gleichen humanitären Maßstab kontrolliert
werden.
Wichtig ist aber auch, dass wir herausfinden, wo denn jetzt der rationale Kern liegt. Nicht
selten verteufeln wir eine Meinung, die jedoch näher an der Wahrheit liegt, nur weil sie
jemand äußert, der in der falschen Schublade steckt. Das ist dann nicht nur intolerant,
dass geht schon stark in die Richtung Ignoranz und Verachtung.
Die offene Gesellschaft ist ein Gut, deren Vorzüge wir jeden Tag erleben. Wir haben fast
alle Freiheiten der Welt, können Denken was wir wollen, und im gewissen Rahmen auch
tun und lassen, was wir wollen, solange wir dabei keinen Dritten einengen. Denn dieser
Dritte hat die gleichen Rechte wie wir.
Können wir das nicht akzeptieren, sind wir in dieser Gesellschaft fehl am Platz.
Vielleicht sollten wir die Freiheitsandrohung von Michael Schmidt-Salomon in vielen
Sprachen an jedem Grenzübergang aufstellen. Vielleicht auch auf allen Webseiten, die
von Menschen in der Welt besucht werden. Vielleicht stellen wir auch einen Katalog mit
allen Ländern auf, in dem jeder Mensch sich ein Land aussuchen kann, dass seinem
Denken oder seiner Toleranz entgegen kommt.
Deutschland ist unser Land. Es ist ein offenes Land. Wir hatten den Vorteil, dass wir in
diesem Land halbwegs offen erzogen wurden.
Diese offene Gesellschaft müssen wir bewahren, dass sind wir unseren Vorvätern und
Vormüttern schuldig, die für diese offene Gesellschaft gekämpft haben.
Zum Schluss ein Zitat des Politikers Heiner Geißler:
„ … Mord, Totschlag, Bürgerkrieg und Intoleranz entstehen immer dort, wo das
multikulturelle Zusammenleben unter dem Dach gemeinsamer Werte verhindert wird …
Konflikte können nicht wegdiskutiert werden, aber demokratische Gesellschaften können
Konflikte humanisieren.“
Liebe Gäste und Brüder, ich frage Sie und Euch: Welchen Stellenwert hat die offene
Gesellschaft für Sie und Euch und kennt ihr bei euch Einstellungen, die manchmal der
offenen Gesellschaft widersprechen?
Liebe Gäste, geliebte Brüder,
mein Vortrag ist beendet. Ich hoffe, es wird eine offen geführte Diskussion, die ihren
Platz in der offenen Gesellschaft hat.
Literaturangabe:
– Michael Schmidt-Salomon: Die Grenzen der Toleranz, Piper, 2016
– Heiner Geißler: Intoleranz – Vom Unglück unserer Zeit, Rowohlt Taschenbuch
Verlag , 2011

